Kapitel 30

Von schönen Erinnerungen träumen- oder neue Besen "kehren gut"???
Das Katzenhaus im Tierheim war mein "Baby"! Einmalig zu damaliger Zeit, ein Ort der Ruhe für die Katzen und ein Ausflugsziel für die Katzenfreunde und Freundinnen. Bei schönem Wetter lud die sonnige, große Voliere zum Verweilen auf. Wenn es zu heiß oder zu kalt war, gab es ausreichend bequeme Sitzmöglichkeiten im Katzenhaus, um mit den Miezen Kontakt aufzunehmen, zu schmusen oder zu spielen.
Es hatte sich weit herumgesprochen, dass es diese "kätzische" Möglichkeit gab. Für die Katzen war es eine willkommene Abwechslung und für viele Menschen Stunden der Ruhe und Freude.
Die Katzen wussten ganz genau, wann Besuchszeit war. Das Verhalten der einzelnen Stubentiger war sehr unterschiedlich. Die neugierigen, die regelrecht auf die Besucher warteten, sicherten sich die "guten" Plätze, wo man nicht übersehen werden konnte. Das waren sozusagen die Plätze für die "very important Katzen"! Sie wussten genau, dass während dieser Zeit alles geboten werden musste, um adoptiert zu werden. Alle Register wurden gezogen, es wurde geschnurrt, dass es niemand überhören konnte. Mit Spielkapriolen machten die ganz Schlauen auf sich aufmerksam! Es gab aber auch Katzen, die sich total auf "ach was bin ich arm" verstellen konnten. Sie lagen still da, Köpfchen auf den Pfoten und "blinzelten in die Runde"! Und immer gelang es mit diesem Verhalten, das Herz einiger Besucher zu rühren. "Wer bist Du den, Du armes Mäuschen! Na komm doch mal her! " Und schwups, saßen sie auf dem Schoß, der vorher für sie "frei gemacht" wurde. Streicheleinheiten und Leckerchen waren ihnen sicher!
Und dann gab es die Katzen, die keinen Fremdkontakt suchten. Sie waren vorsichtig, hatten schon zu viel erlebt als "Niemandskatzen", dass die Besuchszeit für sie kein Vergnügen war. Sie saßen schon eine halbe Stunde vor Öffnung des Tores am Zaun und beobachteten genau, wenn die Besucher aufs Gelände kamen. Dann wurden sie unsichtbar, verzogen sich in ihre Verstecke und waren erst wieder gesehen, wenn die "Fremdlinge" ihr Reich wieder verlassen hatten.
Von diesen Katzen, von uns liebevoll "lebendes Inventar" genannt, berichte ich später mehr.
Marina mit der Rubensfigur war die Empfangs"dame". Sie saß immer auf der Fensterbank hinter der Tür. Lässig baumelte ihr Vorderpfötchen herunter, der Blick auf die Besucher gerichtet. Doch sie führte nichts Gutes im Sinn. Sie fühlte sich als VIP und zeigte das deutlich.
Die Besucher, die zum erstenmal ins Katzenhaus kamen, sahen Marina, sagten freundlich: "ach da ist ja schon eine Katze", streichelten sie und zack- ihr Begrüßungsritual hinterließ Spuren. Dabei schnurrte Marina und schaute die "Gehauenen" freundlich an. Und ich hatte immer das Gefühl, dass sie dabei schmunzelt!
Pro Person gelang ihr das nur einmal- aber es kamen ja immer wieder neue Besucher, die sie auf ihre Art begrüßen konnte.
Unvergessen sind unsere "Dauerinsassen", Katzen mit schlechter Vergangenheit, die im Katzenhaus den Ort der Ruhe und liebevollen Betreuung gefunden hatten. Sie waren die Tiere, die uns deutlich zeigten, dass sie bei uns bleiben wollten. Das hatten wir in Absprache mit dem Personal beschlossen. Auf ihren Karteikarten im Büro stand: UNVERMITTELBAR in roter Schrift. Daran hielt sich jeder, bis der "neue Besen" kam, der ja so gut kehrte.
Da war z. B. Mikesch, der in Lich mit vielen anderen Katzen in einer Scheune lebte. Als kleiner Wildling hätte er die Menschen am liebsten "mit Haut und Haaren" gefressen. Es hat lange gedauert, bis er sich von vertrauten Personen anfassen ließ. Auf den Arm oder Schoss wollte er nie.
Er schloss innige Freundschaft mit Kater Seppl, der als dünne, zerzauste und ängstliche Katze kam. Eine Männerfreundschaft mit Seppl begann, zwei Kater, die innig miteinander verbandelt waren. Es war so schön, die beiden Jungs miteinander schmusen zu sehen. Wenn sie im Körbchen kuschelten, passte keine Maus mehr dazwischen.
Unvergessen auch Hexe und Mieze. Hexe hatte man ein Stück von den Ohren abgeschnitten. Sie war traumatisiert, nicht anfassbar und quittierte jeden Annäherungsversuch mit grimmigem Knurren. Auch mit anderen Katzen wollte sie wenig zu tun haben. Bis Hexe kam! Hexe hatte ein Hinterbeinchen durchschnitten. Ob es Tierquäler waren oder mit einer landwirtschaftlichen Maschine passiert war, das konnte nie in Erfahrung gebracht werden. Sie wurde operiert und kam prima mit ihren drei Beinchen klar.
Als Hexe und Mieze sich zum erstenmal sahen, zeigten sie sofort ein freundschaftliches Verhalten.Sie gingen aufeinander zu, gaben sich einen "Nasenstüber" und waren ein Team. Sie hatten nur gemeinsame "Termine", gingen dicht an dicht durchs Gehege, putzten sich gegenseitig und waren sichtbar glückliche Tiere.
Wenn man Meister Propper hört , denkt man ans Putzen. Der große, kräftige Mann auf der Flasche ist jedem bekannt. Unser Meister Propper jedoch war ein Kater! Und was für ein Kater! Er wurde in einer Box ausgesetzt! Und diese Box füllte er aus! Er saß darin wie in einer Zwangsjacke- da hätte keine Maus mehr dazwischen gepasst! Ein Sumoringer in Katzenformat! Er war ein toller Bursche mit eigenem Kopf! Ein Unikat, dessen Launen von einer Sekunde zur anderen umschlagen konnten. Da hieß es Abstand halten. Ich habe diesen Burschen sehr gemocht, ein Charakterkopt und Dickkopf! Steicheln konnte man ihn nicht immer, aber Futter - das nahm er immer! Doch wie auf Diät setzen, wenn er jede Gelegenheit nutze und fand, Futter zu "organisieren"!
Und so erhöhte sich der Katzenclan der scheuen Katzen - Meister Propper gesellte sich dazu!
Unvergessen unser zartes Elfchen mit ihrem schwarz/weißen Fell. Sie war immer zurückhaltend, drängte sich nie in den Vordergrund. Man musste aufpassen, dass sie beim abendlichen Leckerchen verteilen ihre Portion bekam. Sie gehörte zu unseren Lieblingen. Man musste das sensible und bescheidene Kätzchen gern haben.
Ebenfalls aus Lich stammte Silvchen, mit ihrem wunderschönen, silbernen Fell, was ihr auch den Namen gab. Auch für sie war das Tierheim ihr erstes Zuhause und sollte es für immer bleiben. Vertrauten Menschen gegenüber war sie zärtlich und anschmiegsam, Fremde duldete sie nicht in ihrer Nähe.
Und da was noch Maxi, die große, kräftige Tigerkatze mit dem rötlichen Schimmer im Fell. Sie war eine selbstbewusste Lady, ohne Scheu und mit viel Charme! Und sie wurde ein Fernsehstar!
Zu damaliger Zeit verschwanden viele Katzen. Es kam der Trend auf, mit den Katzen an der Leine spazieren zu gehen. So sollten sie vor Gefahren und Diebstahl geschützt sein. Darüber wurde ein Fernsehbericht gedreht. Wir überlegten, wer sich wohl dafür eignet könnte. Unsere Wahl viel auf Maxi! Nur wie zieht man einer sieben Kilo Mieze ein Katzengeschirr an? Unmöglich- aber sie passte in ein Hundegeschirr, was zufällig zur Hand war. Und los gings! Maxi spazierte umher, als hätte sie noch nie was anderes getan. Die Fernsehleute waren begeistert! Und dann entdeckte Maxi irgend etwas im Gebüsch! Ehe ich die Laufleine stoppen konnte, war Maxi im Gebüsch verschwunden! Aufgeregt wuselte sie hin und her und verhedderte sich immer mehr mit der Schnur in den Ästen. Keine Chance, sie so zu befreien! Als sie sich fest "verankert" hatte und weder vor noch zurück konnte, wurde sie garstig! Mir blieb nichts anderes übrig, als die Leine ab zu machen. Wohin würde Maxi ihre neu gewonnene Freiheit wohl führen? Ich hatte Herzklopfen, denn die Strasse war direkt hinter dem Zaun! Maxi kam aus dem Gestrüpp, schaute sich um und uns an, schüttelte sich und- marschierte schnurstracks zum Katzenhaus. Tür auf- Maxi rein! Deutlicher konnte sie uns nicht zeigen, dass hier ihr Zuhause war.
Es war eine wunderschöne Zeit, unvergessen! Ich bin dankbar, dass ich sie erleben durfte. Auch wenn das Ende bitter war.
Nachdem ich nicht mehr als Vorsitzende im TSV Giessen zur Verfügung stand, gab es viele Turbulenzen- ein Kommen und Gehen von Vorstandsmitgliedern und Personal. Ich konnte nicht mehr ins Tierheim gehen, mir blutete das Herz und die Veränderungen taten mir weh.
Dann entschloss sich der neue Vorstand einen Geschäftsführer einzustellen, der schalten und walten konnte , wie er es für richtig befand. Grundsätzlich nicht falsch! Aber wenn er sein betriebswirtschaftliches "Können" vor das Wohl der Tiere stellt, dann habe ich starke Zweifel. Richtig fand er Sparmaßnahmen! Ich will nicht näher darauf eingehen.
Die Sparmaßnahmen traf auch die Katzen. Futter wurde gewechselt, keine abendlichen Leckerchen mehr! "Zucht und Ordnung" sollten herrschen. Einige Ehrenamtliche hielten dem Druck nicht stand. Oder sie widersprachen, setzen sich für die Katzen ein mit dem Ergebnis, dass der "neue Besen" sie nah 20 Jahren aus dem Tierheim fegte.
Als ich erfahren habe, dass unsere Katzen, die für immer im Tierheim bleiben sollten, kein geliebtes "lebendes Inventar" mehr waren, sondern vermittelt wurden, dass sogar Hexe und Mieze getrennt wurden, habe ich nur noch tiefe Verachtung empfunden.
Wer in einem Tierheim Verantwortung hat, der muss natürlich dafür sorgen, dass die Finanzen stimmen. Doch das Wohl der Tiere muss an erster Stelle stehen. Jemand, der hierfür die Mittel streicht, der sollte seinen Hut nehmen.
Das ist zum Glück auch geschehen.
Die Katzen haben heute wieder ihre Menschen, die sich liebevoll um sie kümmern, die ein schönes Zuhause für sie suchen und keine Tierfreundschaften trennen.
Unser damaliges Motto: Tierwohl vor Geld- hat wieder Einzug gehalten.
Die Katzen von damals sind schon lange im Katzenzhimmel! Hätte ich gewusst, welch schlimme Zeit nach meinem Weggang anbrach, ich hätte mich zusammen mit Frau Rethorn wieder wählen lassen.
Habt Verständnis, dass ich mir diese Zeilen von der Seele schreiben musste.
Und "mein" lebendes Inventar schaut vielleicht vom Katzenhimmel herunter und denkt mit mir an die vielen schönen Jahre, die wir gemeinsam verbrachten.

 

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